Muss man jetzt immer gendern?

Man muss nicht, aber je nach Zielgruppe oder Fachbereich kann das negativ interpretiert werden. Unterschiedliche Gruppen sind unterschiedlich sensibel, was das Gendern angeht. 

 

Wieso gendern wir eigentlich? Um zu zeigen, dass alle Geschlechter und Identitäten gemeint sind. Das für das Deutsche übliche „generische Maskulinum“ meint prinzipiell „alle Vertreter:innen mit“, mit „Ärzte“ also alle Leute, die den Arztberuf ausüben — unabhängig vom Geschlecht. Dummerweise war es lange so, dass solche Berufe vor allem von Männern ausgeübt wurden, der „Arzt“ also selten in Wirklichkeit eine „Ärztin“ war. Sprache wirkt aber auch auf unsere Wahrnehmung und unsere Einschätzung von der Welt. Das generische Maskulinum hat einfach dazu geführt, dass vor allem die bedeutende Rolle der Männer in der Gesellschaft wahrgenommen wurde. Durch das Gendern soll sprachlich auf die gesellschaftliche Entwicklung aufmerksam gemacht werden. Tatsächlich wurde beobachtet, dass Kinder viel öfter ÄrztINNEN, WissenschaftlerINNEN, PolizistINNEN malen, wenn ihnen explizit diese Möglichkeit angeboten wird. Dadurch erweitern sich auch ihre Möglichkeiten zur persönlichen Lebensgestaltung z. B. in der späteren Berufs- oder Partnerwahl. 

Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr mitgemeint, wenn von LektorEN gesprochen wird, auch wenn ich es in der Regel bin. Das kann man bewerten, wie man möchte. Persönlich bin ich auf jeden Fall sensibler geworden und gleichzeitig auch mental „freier“, und das ist schön. Ich traue mich mehr und stehe bei aller Differenziertheit bewusster für meine Rechte und meine Positionen ein. 

 

Gendern mag nervig und umständlich sein und ich verstehe die sprachlichen Argumente dagegen. Das Finnische oder das Englische haben es da leichter: Im Finnischen ist „se“ „es“, während „hän“ für „er/sie/***“ steht, also im Prinzip für eine Person jeglichen Geschlechts. Das Englische sagt „the teacher“ und kann bei der weiteren Ausführung mit „he“ oder „she“ weitermachen; erst dadurch wird der Lehrkraft ein Geschlecht zugewiesen. Ist das nicht gewünscht, bleibt es einfach bei „teacher“ und damit bei der Bezeichnung der Funktion.

 

Das Gendern ist eine gewaltfreie Möglichkeit, zu zeigen, dass alle Menschen wertvoll sind. Aus diesem Grund versuche ich zu gendern bzw. Begriffe zu verwenden, die prinzipiell geschlechtsneutral sind: Menschen, Leute, Personen; „alle, die an der Uni arbeiten“, „alle, die Texte schreiben“. Meine Hoffnung ist, dass unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren so tolerant und inklusiv geworden ist, dass selbstverständlich immer alle Menschen gemeint sind — außer, wenn explizit auf die gemeinte Gruppe (Männer, Frauen, Transgender, … ) verwiesen wird. Wieso? Weil das biologische oder gelebte Geschlecht doch vollkommen egal ist für den Wert eines Menschen. Das versuchen wir im Gendern auch sprachlich zu verdeutlichen.